Verlorene Illusionen (German Edition) by Honoré de Balzac

Verlorene Illusionen (German Edition) by Honoré de Balzac

Author:Honoré de Balzac [Balzac, Honoré de]
Language: deu
Format: epub
Published: 2011-03-30T22:00:00+00:00


»Ach, mein Lieber,« sagte Blondet, »ich hielt dich für stärker! Wahrhaftig, mein Ehrenwort! Wenn ich deine Stirne ansah, dachte ich, du hättest eine Allmacht wie die großen Geister, die alle stark genug gebaut sind, um jedes Ding in seiner zwiefachen Gestalt zu sehen. Junger Freund, in der Literatur hat jede Idee ihre Vorderseite und ihre Rückseite: niemand kann mit Bestimmtheit sagen, welches ihre Vorderseite ist. Alles auf dem Gebiete des Gedankens hat zwei Seiten. Die Ideen sind paarig. Janus ist die mythische Gestalt der Kritik und das Symbol des Geistes. Nur Gott ist dreieckig! Was anders stellt Molière und Corneille so hoch über alle, als daß sie die Gabe besitzen, Alceste ›ja‹ und Philinte, Octave und Cinna ›nein‹ sagen zu lassen. Rousseau hat in seiner ›Neuen Heloise‹ einen Brief für und einen gegen das Duell geschrieben, wagst du es zu sagen, welches seine wahre Meinung war? Wer von uns kann zwischen Clarissa und Lovelace, zwischen Hektor und Achilles entscheiden? Welcher ist der Held Homers? Was war die Absicht Richardsons? Die Kritik muß die Werke von ihren sämtlichen Seiten betrachten. Kurz, wir sind große Berichterstatter.«

»Sie legen also Wert auf das, was Sie schreiben?« fragte ihn Vernou mit spöttischer Miene. »Aber wir treiben mit unsern Sätzen Handel und leben von diesem Geschäft. Wenn Sie ein großes, schönes Werk schreiben, ein Buch, dann können Sie Ihre Gedanken und Ihre Seele hineinlegen, sich damit verbunden fühlen und es verteidigen, aber Artikel werden heute gelesen und sind morgen vergessen; das Zeug ist in meinen Augen nicht mehr wert, als daß man es bezahlt. Wenn Sie auf solche Dummheiten Wert legen, dann bekreuzen Sie sich wohl und rufen den Heiligen Geist an, bevor Sie einen Prospekt schreiben!«

Alle schienen erstaunt, bei Lucien Skrupel zu finden, und es gelang ihnen schließlich, seine unschuldige Kindertoga in Stücke zu reißen und ihm das Mannesgewand des Journalisten anzuziehen.

»Weißt du, mit welchem Wort sich Nathan getröstet hat, nachdem er deinen Artikel gelesen hatte?« fragte Lousteau.

»Wie soll ich es wissen?«

»Nathan hat gerufen: ›Die kleinen Artikel sind vergänglich, die großen Werke bleiben!‹ Dieser Mann kommt in zwei Tagen hierher zum Souper, er muß vor dir niederfallen, deinen Fuß küssen und dir sagen, du seiest ein großer Mann.«

»Das wäre komisch«, rief Lucien.

»Komisch!« versetzte Blondet, »es ist nötig.«

»Liebe Freunde, ich will schon«, sagte Lucien, der ein wenig bezecht war. »Aber wie soll ich es anstellen?«

»Nun,« sagte Lousteau, »schreibe für das Blatt Merlins drei schöne Spalten, worin du dich selbst widerlegst. Nachdem wir uns an der Wut Nathans geweidet haben, sagen wir ihm, daß er uns bald für die gedrängte Polemik Dank wissen soll, vermittels welcher sein Buch in acht Tagen vergriffen sein wird. Vorläufig bist du in seinen Augen ein Spion, ein Hundsfott, ein Schlingel, übermorgen wirst du ein großer Mann, ein starker Geist, ein Mann Plutarchs sein! Nathan wird dich als seinen besten Freund umarmen. Dauriat ist gekommen, du hast drei Scheine von tausend Franken: der Streich ist gelungen. Nun bedarfst du der Achtung und der Freundschaft Nathans. Der Hereingefallene darf nur der Buchhändler sein. Nur unsere Feinde dürfen wir hinschlachten und verfolgen.



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